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Im März 2026 stehen genau zwei deutsche Spielerinnen in den Top 100 der WTA-Weltrangliste. Zwei. In einem Land, das Steffi Graf und Angelique Kerber hervorgebracht hat, klingt das nach einer Randnotiz — ist aber das Ergebnis eines jahrelangen Umbruchs, der jetzt langsam Richtung und Kontur annimmt.
Die Zahlen erzählen dabei zwei Geschichten gleichzeitig. Oben, in den Regionen, die über Grand-Slam-Setzlisten und Sponsorenverträge entscheiden, ist die deutsche Präsenz dünn. Unterhalb der Top 200 aber bewegt sich etwas: Junge Spielerinnen sammeln Punkte auf ITF-Turnieren, kämpfen sich durch Qualifikationsrunden und verschieben ihre persönlichen Bestmarken nach oben. Wer nur auf die Spitze schaut, übersieht den Unterbau.
Dieser Überblick ordnet alle deutschen Spielerinnen im WTA-Ranking ein — von Eva Lys an der Spitze bis zu den Namen, die bisher nur in den Ergebnislisten der Challenger-Turniere auftauchen. Er zeigt Dynamiken innerhalb der letzten zwölf Monate, stellt historische Vergleiche an und erklärt, nach welchen Regeln die WTA ihre Rangliste berechnet. Keine Verklärung, keine Panik — nur das, was die Zahlen hergeben.
Dabei geht es nicht allein um Positionen. Die Weltrangliste ist ein Zugangssystem: Sie entscheidet, wer direkt ins Hauptfeld eines Grand Slams darf, wer durch die Qualifikation muss und wer gar nicht erst antreten kann. Für die deutschen Spielerinnen im WTA-Ranking bedeutet jeder Platz nach oben konkret bessere Setzungen, kürzere Reisewege zu Turnieren und vor allem: mehr Preisgeld. In einer Saison, in der die WTA einen Rekord von 249 Millionen Dollar an Preisgeldern ausgeschüttet hat, ist die Position in der Rangliste auch eine ökonomische Frage.
Deutsche Spielerinnen in den WTA Top 100
Eva Lys — Deutschlands Nummer eins
Eva Lys hat sich im Januar 2026 auf ihren bisherigen Karrierehöchststand vorgearbeitet: Platz 39 der WTA-Weltrangliste. Es war der Moment, in dem die Hamburgerin aus dem Kreis der Hoffnungsträgerinnen heraustrat und zur klaren deutschen Nummer eins wurde. Im März 2026 liegt sie im Bereich um Rang 60 — ein Rückgang, der sich durch die Punkteverteidigung aus dem Vorjahr erklärt, nicht durch einen Leistungseinbruch.
Ihr Saisonverlauf 2025 war der eigentliche Wendepunkt. Lys erreichte Viertelfinals bei WTA-500-Turnieren, holte sich konstante Erstrunden-Siege bei Grand Slams und sammelte Ranking-Punkte in einer Dichte, die keine deutsche Spielerin seit Kerbers aktiven Jahren vorweisen konnte. Die Australian-Open-Qualifikation, in die sie als Lucky Loserin rutschte und dann bis ins Achtelfinale vordrang, wurde zur Geschichte des Turniers. Dass sie diese Leistung trotz einer chronischen Erkrankung — Spondylarthritis, diagnostiziert 2020 — erbringt, macht die Einordnung komplexer, als reine Zahlen vermuten lassen.
In der Saison 2026 hat Lys bisher Preisgeld in Höhe von rund 222 000 Dollar eingespielt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sie sich dauerhaft in den Top 50 etabliert oder ob die Schwankungen der Sandplatzsaison sie zurückwerfen. Ihr Spielstil — aggressiv von der Grundlinie, variabler Aufschlag, hohe Laufbereitschaft — ist auf allen Belägen konkurrenzfähig, was die Chancen auf Stabilität erhöht.
Ella Seidel — der schnellste Aufstieg seit Jahren
Ella Seidel war im September 2025 zum ersten Mal in den Top 100 zu finden — Rang 95, damals gerade 20 Jahre alt. Im Januar 2026 erreichte sie mit Platz 78 ihre Bestmarke. Für den Kontext: Seidel hat in Hamburg ihr Abitur mit 17 abgelegt, zwei Jahre früher als üblich, um sich voll auf den Tennissport konzentrieren zu können. Das klingt nach einer Fußnote, beschreibt aber die Kernentscheidung ihrer bisherigen Karriere.
Der Durchbruch kam 2025 in Cincinnati, als Seidel mit Emma Navarro eine Top-20-Spielerin schlug — ihr erster Sieg gegen eine Gegnerin in dieser Ranglistenregion. Solche Ergebnisse verschieben nicht nur Punkte, sie verändern das Selbstverständnis einer Spielerin auf der Tour. Seidel bewegt sich seitdem auf einem anderen Niveau: schneller im Entscheidungsspiel, weniger fehleranfällig bei eigenem Aufschlag, taktisch reifer in langen Rallyes.
Im März 2026 schwankt ihre Position zwischen Rang 80 und 90. Das Punktepolster ist noch dünn, die zweite Saisonhälfte auf Sand und Rasen wird zeigen, ob die Top 100 ihr Territorium bleiben oder nur eine Durchgangsstation waren. Ihre Karrierepreisgeld summiert sich auf knapp 310 000 Dollar — nicht viel nach WTA-Maßstäben, aber eine solide Grundlage für eine Spielerin, die erst am Anfang steht.
Zusammen bilden Lys und Seidel das schmale deutsche Fenster in den Top 100. Zwei Spielerinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten — die eine Mitte 20 mit Tourerfahrung und einer Krankengeschichte, die andere Anfang 20 mit akademischem Hintergrund und einem Aufstieg, der noch kein Plateau kennt. Was sie verbindet: Beide sind Produkte eines Systems, das lange keine Ergebnisse lieferte und jetzt zumindest Anzeichen von Funktion zeigt.
Auffällig ist, was zwischen ihnen und der nächsten deutschen Spielerin liegt: ein Loch von über 40 Rängen. In anderen Tennisnationen füllen drei oder vier weitere Spielerinnen diese Lücke. In Deutschland gibt es zwischen Rang 80 und Rang 120 niemanden. Das ist die eigentliche strukturelle Schwäche, die die blanken Top-100-Zahlen verschleiern: nicht das Fehlen einer Spitze, sondern das Fehlen einer Mitte.
Zwischen Rang 100 und 200 — die erfahrene Garde
Tatjana Maria — Selfmade jenseits aller Altersschablonen
Tatjana Maria spielt 2026 irgendwo um Rang 120 und widerlegt damit weiterhin jede Prognose, die sie in den Ruhestand schreiben wollte. Die zweifache Mutter, Jahrgang 1987, hat ihre Karriere weitgehend ohne die Unterstützung des DTB aufgebaut — finanziert durch Eigeninitiative, begleitet von ihrem Ehemann als Trainer. Ihr Lauf bis ins Wimbledon-Halbfinale 2022 bleibt einer der außergewöhnlichsten Momente im deutschen Frauentennis der letzten Dekade.
Marias Rolle im aktuellen Ranking ist doppelt relevant: als aktive Punktesammlerin, die auf WTA-250-Turnieren regelmäßig Hauptfeldsplätze erreicht, und als potenzielle BJK-Cup-Spielerin, wenn der neue Kapitän einen erfahrenen Rückhalt braucht. Dass sie im November 2025 beim entscheidenden Gruppenspiel fehlte — verletzungsbedingt —, war einer der Gründe für den historischen Abstieg der deutschen Mannschaft.
Laura Siegemund — die taktische Veteranin
Laura Siegemund, Jahrgang 1988, hält sich im Bereich um Rang 130. Ihr Spiel lebt von taktischer Variabilität: Slice, Stoppbälle, unorthodoxe Winkel — alles, was gegen die Grundlinien-Maschinen der Tour unbequem wird. 2020 gewann sie die US Open im Doppel (mit Vera Zvonareva), dazu zwei Mixed-Grand-Slam-Titel (US Open 2016, French Open 2024), und diese Erfolge prägen ihre Wahrnehmung stärker als ihre Einzelergebnisse der letzten Jahre.
Im WTA-Ranking ist Siegemund eine Spielerin, die einzelne Turniere punktuell aufmischen kann, ohne eine stabile Position in den Top 100 zu halten. Ihre Saison 2025 war von Verletzungspausen unterbrochen, was die fehlende Konstanz in der Rangliste erklärt. Für 2026 bleibt sie als Doppelspezialistin und taktische Option im deutschen Kader relevant — auch wenn ihre besten Einzelergebnisse vermutlich hinter ihr liegen.
Tamara Korpatsch — die Unbequeme
Tamara Korpatsch, aktuell um Rang 140, ist innerhalb des deutschen Tennis eine polarisierende Figur. Die Hamburgerin hat in der Vergangenheit öffentlich den DTB für mangelnde Unterstützung kritisiert und ihren Weg größtenteils eigenfinanziert beschritten. Ihre Spielweise — druckvolles Grundlinientennis mit einer starken Vorhand — hat sie bis auf Platz 52 der Weltrangliste geführt, ihrem Karrierehoch 2023.
Der Rückgang seither erklärt sich durch eine Kombination aus Verletzungen und inkonsistenter Turnierplanung. Korpatsch bewegt sich auf dem Niveau, das für ITF-W75- und WTA-125-Turniere reicht, aber den regelmäßigen Zugang zum WTA-Hauptfeld erschwert. Im Kontext des deutschen Rankings ist sie eine Spielerin im Übergangsbereich: zu erfahren für den Neuanfang, zu weit vom persönlichen Hoch entfernt für die Spitze.
Noma Noha Akugue — zwischen Potenzial und Geduld
Noma Noha Akugue, geboren 2003, pendelt um Rang 160 mit einem Karrierehoch bei Platz 142. Im Sommer 2023 erreichte sie das Finale des WTA-250-Turniers in Hamburg — ihr bisheriger Karrieremoment. Mit Preisgeldern von rund 370 000 Dollar steht sie finanziell auf einer Basis, die den Tourbetrieb ermöglicht, aber keinen Spielraum für Rückschläge lässt.
Was Akugue von den anderen Spielerinnen in diesem Ranking-Segment unterscheidet, ist die Infrastruktur, die sie umgibt. Sie trainiert am Bundesstützpunkt Stuttgart, seit 2025 unter Benjamin Ebrahimzadeh — einem Trainer, der zuvor mit Angelique Kerber, Dominic Thiem und Holger Rune gearbeitet hat. BOSS ist seit 2024 ihr Ausstatter. Die Kombination aus DTB-Förderung, erfahrenem Trainerteam und kommerziellem Interesse signalisiert eine Investition in ihre Zukunft, die über das aktuelle Ranking hinausreicht.
Die Spielerinnen zwischen Rang 100 und 200 bilden das Fundament des deutschen Frauentennis. Sie sind die BJK-Cup-Kandidatinnen, die Doppelpartnerinnen bei Grand Slams, die Wild-Card-Empfängerinnen bei deutschen Turnieren. Ohne sie wäre die Sichtbarkeit des Frauentennis in Deutschland auf zwei Namen reduziert. Ihre Leistungen bestimmen nicht die Schlagzeilen, aber die Substanz.
Jenseits der Top 200 — ITF-Ebene und Aufstiegskandidatinnen
Hinter den bekannteren Namen beginnt eine Zone, die im deutschen Tennisdiskurs selten vorkommt: die Ränge 200 bis 500 und darüber hinaus. Hier spielen Athletinnen, die ihren Lebensunterhalt auf ITF-Turnieren mit Preisgeldern zwischen 15 000 und 100 000 Dollar verdienen, durch Qualifikationsrunden müssen und oft mehrere Wochen am Stück unterwegs sind, ohne einen Cent zu gewinnen. Es ist das professionelle Tennis in seiner ökonomisch brutalsten Form.
Unter den deutschen Spielerinnen in dieser Region finden sich Namen wie Nastasja Schunk, die als Mitglied des Porsche Talent Teams Zugang zu DTB-Ressourcen hat, aber auf der Tour noch den Sprung in die Top 200 schaffen muss. Julia Stusek, ebenfalls Porsche-Talent-Team-Spielerin, sammelt Punkte auf ITF-Ebene und arbeitet sich langsam nach oben. Sonja Zhenikhova und Mariella Thamm vervollständigen die Liste derjenigen, die vom DTB als Investitionen in die Zukunft betrachtet werden.
Die Realität jenseits der Top 200 ist eine Mischung aus sportlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Überlebenskampf. Spielerinnen auf Rang 300 verdienen im Schnitt deutlich weniger, als sie für Reise, Trainerstab und Ausrüstung ausgeben. Der Unterschied zwischen Rang 180 und Rang 280 ist nicht nur numerisch — er entscheidet darüber, ob eine Karriere finanziell tragfähig ist oder von externer Unterstützung abhängt.
Am unteren Ende des Rankings tauchen auch Namen auf, die auf dem Weg aus dem Profitennis sind. Spielerinnen Mitte 30, deren Punkte verfallen und die nicht mehr genug Turniere spielen, um ihre Position zu halten. Für den deutschen Kontext ist das relevant, weil jeder Abgang die ohnehin dünne Basis weiter schrumpfen lässt. Der Zustrom von unten — aus den Juniorinnenranglisten, den ITF-Junior-Turnieren — muss diesen Schwund mindestens ausgleichen, damit das Ranking-Profil nicht weiter erodiert.
Was die Statistik nicht zeigt: Viele der deutschen Spielerinnen jenseits der Top 200 sind gleichzeitig Doppelspezialistinnen. Ihre kombinierten Ranking-Punkte im Doppel sichern ihnen Zugang zu Turnieren, bei denen sie nebenbei Einzel-Qualifikationsrunden spielen können. Diese Doppelkarriere ist kein Ausweichmanöver, sondern eine bewusste Strategie, die Reisekosten finanzierbar macht und den Kontakt zum Wettbewerbstennis erhält.
Entscheidend für die nächsten Jahre ist die Frage, wie viele der aktuellen Porsche-Junior-Team-Spielerinnen — Tamina Kochta, Ida Wöbker, Sophie Triquart — den Übergang vom Juniorinnentennis in die ITF-Tour schaffen. Der Schritt von nationalen Juniorenturnieren auf die internationale Bühne ist der statistisch riskanteste Moment einer Karriere. Die meisten scheitern hier, nicht an der Spitze.
Historischer Vergleich — Deutsche im WTA-Ranking seit 1995
Um zu verstehen, wo das deutsche Frauentennis im WTA-Ranking 2026 steht, lohnt ein Blick auf die Entwicklung über drei Jahrzehnte. Die Zahlen zeichnen kein lineares Bild — sie zeigen Wellen, die eng an einzelne Persönlichkeiten gekoppelt sind.
1995, ein Jahr nach dem historischen Mitgliederhoch des DTB mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern und mitten in Steffi Grafs dominantester Phase, standen bis zu sechs deutsche Spielerinnen in den Top 100. Anke Huber war die Nummer zwei hinter Graf, dazu kamen Namen wie Barbara Rittner und Sabine Hack. Das deutsche Frauentennis war breiter aufgestellt als zu jedem anderen Zeitpunkt der Geschichte.
2005 hatte sich das Bild komplett verändert. Graf war seit sechs Jahren im Ruhestand, und keine Deutsche stand in den Top 20. Anna-Lena Grönefeld, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki tauchten in verschiedenen Phasen in den Top 100 auf, aber das Gesamtbild war fragmentiert. Der DTB verlor Mitglieder, die Medienaufmerksamkeit sank, und der Nachwuchs lieferte Versprechen, aber keine Ergebnisse auf Grand-Slam-Niveau.
2016 war das Pendel zurückgeschwungen — allerdings hauptsächlich in eine Richtung. Angelique Kerber gewann die Australian Open und die US Open, stieg zur Nummer eins der Welt auf und stand insgesamt 34 Wochen an der Spitze des Rankings. Hinter ihr hielten Petkovic, Julia Görges und Lisicki Positionen in den Top 100, sodass Deutschland zeitweise vier Spielerinnen in diesem Bereich hatte. Es war die zweite goldene Phase, getragen von einer Generation, die mittlerweile komplett abgetreten ist.
2020 begann der Rückgang. Görges beendete überraschend ihre Karriere, Petkovic rutschte aus den Top 100, Lisicki konnte nach Verletzungen nicht mehr an frühere Leistungen anknüpfen. Kerber spielte noch, aber ihre besten Ergebnisse lagen hinter ihr. Deutschland hatte noch zwei bis drei Spielerinnen in den Top 100 — ein Rückgang, der damals kaum beachtet wurde, weil die Aufmerksamkeit auf Kerbers letztes Grand-Slam-Ergebnis in Wimbledon 2018 gerichtet blieb.
Und 2026? Zwei Spielerinnen in den Top 100, keine in den Top 50. Das ist der numerische Tiefpunkt seit den frühen 2000er-Jahren. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter dieser beiden — Lys und Seidel — deutlich niedriger als bei jeder vergleichbaren Konstellation der Vergangenheit. Die Richtung stimmt, die absolute Zahl nicht.
Der Vergleich zeigt ein Muster: Deutsches Frauentennis war immer dann international sichtbar, wenn eine Ausnahmeerscheinung — Graf, Kerber — die Aufmerksamkeit bündelte und gleichzeitig eine Gruppe von Spielerinnen in den Top 100 die Breite sicherte. Beides fehlt gerade. Ob Lys oder Seidel die nächste Magnetfigur werden, ist offen. Dass sie die ersten beiden Kandidatinnen seit einem Jahrzehnt sind, ist aber eine Tatsache.
Interessant ist auch der internationale Kontext. Länder wie Tschechien, das kaum halb so viele Einwohner hat wie Deutschland, stellen regelmäßig fünf bis sieben Spielerinnen in den Top 100. Frankreich, mit einem ähnlich strukturierten Verbandssystem wie der DTB, hält konstant drei bis vier. Das zeigt, dass die deutsche Delle kein globales Phänomen ist, sondern spezifische Ursachen hat — von der Priorisierung schulischer Ausbildung über die Förderstruktur bis hin zu kulturellen Unterschieden im Umgang mit früher Professionalisierung.
Die Rangliste ist ein Spiegel, kein Urteil. Sie zeigt, wo das deutsche Frauentennis steht — nicht, wo es stehen wird. Und die Dynamik der letzten 18 Monate, in denen sowohl Lys als auch Seidel persönliche Bestmarken erreicht haben, legt nahe, dass die nächste Welle begonnen hat. Wie hoch sie schlagen wird, entscheidet sich nicht in einer Saison, sondern über die nächsten drei bis vier Jahre.
Wie funktioniert das WTA-Ranking?
Das WTA-Ranking — offiziell PIF WTA Rankings seit dem Sponsoring durch den Public Investment Fund — basiert auf einem rollierenden System über 52 Wochen. Es zählt die besten Ergebnisse einer Spielerin aus einem definierten Turnierset, wobei die Kategorien der Turniere bestimmen, wie viele Punkte maximal vergeben werden.
An der Spitze stehen die vier Grand-Slam-Turniere: Australian Open, Roland Garros, Wimbledon und US Open. Die Siegerin erhält 2 000 Punkte, eine Finalistin 1 300, eine Halbfinalistin 780. Darunter rangieren die WTA 1000 (ehemals Premier Mandatory), die bis zu 1 000 Punkte vergeben. WTA-500-Turniere — wie der Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart — bringen der Siegerin 470 Punkte. WTA-250-Events vergeben bis zu 250 Punkte. Die WTA Finals, das Saisonabschlussturnier, belohnen eine ungeschlagene Siegerin mit bis zu 1 500 Punkten.
Für die deutschen Spielerinnen im WTA-Ranking hat dieses System konkrete Auswirkungen. Wer wie Eva Lys in der Ranglistenregion um Platz 50 bis 70 spielt, ist auf starke Ergebnisse bei WTA-500- und WTA-1000-Turnieren angewiesen, um aufzusteigen. Die Grand Slams bieten die größten Punktechancen, aber auch das höchste Risiko: Ein Erstrundenverlust bringt nur 10 Punkte bei einem Grand Slam, während die verteidigte Niederlage aus dem Vorjahr das Konto belastet.
Das Prinzip der Punkteverteidigung ist zentral für das Verständnis von Ranglistenbewegungen. Jede Woche fallen die Punkte vom identischen Turnier des Vorjahres weg. Hatte eine Spielerin 2025 ein starkes Ergebnis bei den French Open, muss sie 2026 mindestens genauso weit kommen, um ihre Position zu halten — andernfalls sinkt sie, auch wenn die restliche Saison stabil verläuft. Dieser Mechanismus erklärt, warum Lys im März 2026 trotz solider Leistungen einige Plätze verloren hat: Sie verteidigt Punkte aus einer besonders erfolgreichen Phase Ende 2025.
Für Spielerinnen im Bereich 100 bis 200 gibt es eine zusätzliche Hürde: den Turnierzugang. Wer nicht direkt ins Hauptfeld gesetzt wird, muss die Qualifikation überstehen — drei Runden ohne Punkte, die erst im Hauptfeld zählen. Die Qualifikation kostet Kraft, Zeit und bringt im Misserfolg keinen Ranking-Ertrag. Für Seidel, Korpatsch und Maria bedeutet das bei jedem größeren Turnier eine Vorwoche unter Druck, während die gesetzten Spielerinnen regenerieren.
Das WTA-Ranking ist kein Leistungsspiegel im Moment, sondern ein Durchschnitt über ein Jahr. Es belohnt Konstanz stärker als Einzelerfolge. Eine Spielerin, die bei zwölf WTA-250-Turnieren das Viertelfinale erreicht, kann höher stehen als eine, die ein einzelnes Turnier gewinnt und danach früh scheitert. Für die deutschen Spielerinnen im WTA-Ranking bedeutet das: Der Weg nach oben führt nicht über spektakuläre Einzelergebnisse, sondern über ein dichtes, stabiles Turnierprogramm über die gesamte Saison.
Ausblick — Wer kann bis Ende 2026 aufsteigen?
Das realistische Ziel für das deutsche Frauentennis bis Dezember 2026 ist nicht die Rückkehr in die Top 20 — das wäre Spekulation. Das Ziel ist Verbreiterung: mehr als zwei Deutsche Spielerinnen im WTA-Ranking innerhalb der Top 100, eine stabile Präsenz in den Top 150 und ein Nachwuchs, der ITF-Turniere nicht nur spielt, sondern gewinnt.
Eva Lys hat das Potenzial, sich bis Jahresende in den Top 40 zu etablieren. Ihr Spielniveau reicht dafür aus, die Frage ist Gesundheit und Turnierplanung. Ella Seidel könnte bei einer guten Sandplatzsaison erstmals in die Top 60 vordringen — ihr Aufwärtstrend ist intakt, und mit jedem Turnier wächst ihre Erfahrung im Umgang mit Matchsituationen, die sie vor einem Jahr noch verloren hätte.
Noma Noha Akugue ist die spannendste Variable. Der Trainerwechsel zu Ebrahimzadeh, die Anbindung an den BSP Stuttgart und ihr junges Alter sprechen für einen Schub, der sie aus der Region um Platz 160 in die Top 120 tragen könnte. Der Zeitrahmen ist unklar — manche Spielerinnen brauchen zwei Saisons, um die Wirkung eines Trainerwechsels im Ranking zu sehen.
Tatjana Maria und Laura Siegemund werden 2026 vermutlich keine großen Ranglistensprünge mehr machen. Ihre Rolle ist eine andere: Erfahrung, Präsenz bei Grand Slams und Verfügbarkeit für den BJK Cup. Das hat sportlichen Wert, auch wenn die Ranking-Zahlen stagnieren.
Chef-Bundestrainer Torben Beltz formulierte nach dem BJK-Cup-Abstieg im November 2025 eine Einschätzung, die für das gesamte WTA-Ranking der deutschen Spielerinnen gilt: „Ich glaube, das Wochenende spiegelt nicht den eigentlichen Stand unseres Damentennis wider. Da läuft es eigentlich in eine gute Richtung.“ — Torben Beltz, Chef-Bundestrainer DTB. Die Rangliste wird zeigen, ob diese Richtung 2026 auch in Zahlen sichtbar wird.
Der wichtigste Indikator ist dabei nicht die Spitzenposition einzelner Spielerinnen, sondern die Gesamtzahl der Deutschen in den Top 200. Wenn Ende 2026 fünf statt vier deutsche Namen in diesem Bereich stehen, wäre das ein Fortschritt, der in keiner Schlagzeile auftaucht — aber die Substanz des deutschen Frauentennis besser abbildet als jedes Einzelergebnis. Denn die Geschichte dieses Sports in Deutschland lehrt: Breite kommt vor der Spitze. Erst wenn die Basis stimmt, kann oben etwas wachsen.