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Grand-Slam-Siegerin, die kaum jemand kennt
Laura Siegemund besitzt etwas, das in der Geschichte des deutschen Frauentennis nur eine Handvoll Spielerinnen vorweisen können: Grand-Slam-Titel. Genauer gesagt drei — zwei im Mixed, gewonnen bei den US Open 2016 und den French Open 2024, sowie einen im Damen-Doppel bei den US Open 2020. In einem Land, das seine Tennisheldinnen an Einzeltiteln misst, an Steffi Grafs 22 und Angelique Kerbers drei, reicht das offenbar nicht aus, um wirklich wahrgenommen zu werden. Siegemund ist die am meisten unterschätzte deutsche Tennisspielerin ihrer Generation.
Das liegt nicht an mangelndem Können. Siegemund war im Einzel zeitweise unter den besten 30 der Welt, gewann WTA-Titel und gehörte über Jahre zum Rückgrat der deutschen Billie-Jean-King-Cup-Mannschaft. Es liegt eher an einem Karriereverlauf, der sich jeder einfachen Erzählung entzieht: zu viele Verletzungen, zu viele Comebacks, zu wenig Kontinuität für die Schlagzeilen. In einer Ära, in der die WTA Tour 2025 rekordverdächtige 249 Millionen Dollar an Preisgeldern ausschüttete und der Sport globale Aufmerksamkeit genießt, ist Siegemund eine jener Spielerinnen, die das Fundament bilden, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. Und doch ist sie eine der komplettesten Spielerinnen, die Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten hervorgebracht hat.
Spät gestartet, oft gestoppt — ein Karriereweg voller Umwege
Laura Siegemund, 1988 in Filderstadt bei Stuttgart geboren, kam vergleichsweise spät in die Weltspitze. Während andere Spielerinnen ihres Jahrgangs bereits mit 18 oder 19 in den Top 100 standen, studierte Siegemund zunächst an der Universität — ein Weg, der im Profitennis ungewöhnlich ist und im Rückblick sowohl ihre Stärke als auch ihre Schwäche erklärt. Die akademische Grundlage gab ihr die analytischen Fähigkeiten, die ihr Spiel bis heute prägen. Sie kostete sie aber auch Jahre, in denen andere Matchpraxis sammelten.
Ihr Durchbruch kam 2016, als sie beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart als Qualifikantin das Finale erreichte und dabei drei Top-10-Spielerinnen bezwang. Den Titel holte sie ein Jahr später, 2017 — ausgerechnet beim selben Turnier, vor heimischem Publikum. Es war der Moment, in dem Siegemund bewies, dass sie auf höchstem Niveau bestehen kann. Der Turniersieg in Stuttgart, einem der traditionsreichsten Indoor-Events der WTA Tour, brachte nicht nur Preisgeld und Punkte, sondern auch eine Sichtbarkeit, die ihr zuvor gefehlt hatte. Das Ranking kletterte in die Top 30, die Zukunft schien geradlinig.
Was folgte, war das Gegenteil von Geradlinigkeit. Eine schwere Knieverletzung 2017 warf sie zurück, der Wiederaufbau dauerte Monate. Kaum war sie zurück, kam die nächste Verletzung — eine Kreuzband-OP, die sie fast ein ganzes Jahr von der Tour fernhielt. Siegemunds Karriere liest sich über weite Strecken wie eine Chronik medizinischer Rückschläge, unterbrochen von Phasen, in denen sie zeigte, was ohne diese Unterbrechungen möglich gewesen wäre. Jedes Comeback verlangte nicht nur physische Rehabilitation, sondern auch den mentalen Neustart: verlorene Punkte, verlorenes Ranking, verlorene Matchhärte, die sich nur durch Turnierpraxis wiederaufbauen lässt. Ihr Spiel — technisch versiert, taktisch flexibel, mit einem der besten Aufschlagreturns im Damentennis — blieb über all die Jahre konstant gut. Nur der Körper spielte nicht immer mit.
Dass Siegemund trotz dieser Hindernisse immer wieder auf die Tour zurückkehrte, zeugt von einer Hartnäckigkeit, die über bloße Berufsehre hinausgeht. Für sie ist Tennis kein Job, den man aufgibt, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr stimmt. Es ist ein Handwerk, das sie beherrscht und von dem sie sich nicht vertreiben lässt — auch nicht von ihrem eigenen Knie.
Grand-Slam-Titel im Mixed — US Open und Roland Garros
Im Mixed-Doppel fand Laura Siegemund eine Bühne, die ihrem Spielstil wie maßgeschneidert passt. Die Kombination aus taktischer Intelligenz, präzisem Volley und der Fähigkeit, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen, macht sie zur idealen Mixed-Partnerin. Das Netzspiel, im Einzel eine Seltenheit im modernen Damentennis, ist im Mixed essenziell — und genau hier liegt Siegemunds Stärke. 2016 gewann sie an der Seite des Kroaten Mate Pavić die US Open im Mixed — ihr erster Grand-Slam-Titel und ein Erfolg, der in Deutschland bemerkenswert wenig Beachtung fand.
Der zweite folgte 2020, als sie mit der Russin Vera Zvonareva die US Open im Damen-Doppel gewann. Der dritte kam bei den French Open 2024, erneut im Mixed, diesmal mit dem Franzosen Édouard Roger-Vasselin. Drei Grand-Slam-Titel in Disziplinen, die zwar nicht die Strahlkraft des Einzels haben, aber dennoch gegen die besten Spezialisten der Welt gewonnen werden müssen. Die Qualität des Feldes im Mixed-Doppel bei Grand Slams wird regelmäßig unterschätzt: Hier treten Top-10-Spielerinnen an, die sich gezielt starke Partner suchen, und der Wettbewerb ist intensiver, als die öffentliche Wahrnehmung suggeriert. Siegemund gehört damit zu einem exklusiven Kreis — und ist eine der wenigen deutschen Spielerinnen überhaupt, die in der Open Era einen Grand-Slam-Titel vorweisen können, in welcher Disziplin auch immer.
Das Paradoxe: Genau diese Erfolge sind es, die Siegemund in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar machen. Mixed-Titel generieren keine Schlagzeilen in der Bild-Zeitung, keine Einladungen in Talkshows, keine Sponsorenverträge. In einem Mediensystem, das im Tennis nur Einzel-Grand-Slams als Maßstab akzeptiert, fallen sie durch das Raster. Für Siegemund selbst sind sie trotzdem das, was sie sind: Beweise internationaler Klasse.
Teamplayerin, Mentorin und die Rolle im deutschen Frauentennis
Im Billie Jean King Cup ist Laura Siegemund seit Jahren eine feste Größe. Ihre Rolle geht dabei über die reine Spielerin hinaus: Als eine der erfahrensten Kräfte im Team fungiert sie als Mentorin für jüngere Spielerinnen, als taktische Beraterin und als emotionaler Anker in Drucksituationen. Mannschaftstennis verlangt Qualitäten, die im Einzelbetrieb der Tour oft verborgen bleiben — Teamfähigkeit, Kommunikation, die Bereitschaft, eigene Interessen dem Teamerfolg unterzuordnen. Siegemund bringt all das mit.
Beim Abstieg aus der BJK-Cup-Weltgruppe im November 2025 — der erste seit 2012 — fehlte Siegemund verletzungsbedingt. Ihre Abwesenheit, zusammen mit der von Eva Lys und Tatjana Maria, war einer der Hauptgründe für die Niederlagen gegen die Türkei und Belgien. Ein Team ohne seine drei stärksten Einzelspielerinnen ist kein Team mehr, sondern eine Notbesetzung. Für den neuen Kapitän, der auf Rainer Schüttler folgen wird, ist die Frage, wie man Siegemunds Erfahrung in die Teamstruktur einbindet, eine der ersten Aufgaben. Ihre Doppelstärke macht sie auch dann wertvoll, wenn die Einzelform nachlässt — eine Ressource, die im Mannschaftstennis oft den Unterschied ausmacht.
Für die Saison 2026 bleibt Siegemund eine wichtige Option — sowohl im Einzel als auch im Doppel. Ihr WTA-Profil zeigt eine Spielerin, die ihre besten Tage möglicherweise hinter sich hat, aber auf einem Niveau operiert, das im deutschen Frauentennis nach wie vor gebraucht wird. Nicht ob sie noch gut genug ist, steht zur Debatte — sondern ob der Körper noch mitmacht.
Laura Siegemund wird 2026 achtunddreißig. Im Profitennis ist das ein Alter, in dem die meisten Karrieren längst beendet sind. Dass sie immer noch spielt, immer noch gewinnt und immer noch für den BJK Cup zur Verfügung steht, ist das vielleicht stärkste Argument für ihre Bedeutung. Nicht als Statistik, nicht als Schlagzeile — sondern als Spielerin, die ihren Sport lebt, auch wenn er ihr mehr abverlangt, als er zurückgibt.